Spielsucht statt Altersvorsoge: So verzocken deutsche Rapper ihre Rente

Es ist Montagmorgen, 9:00 Uhr. Der 28-jährige Christoph Alex, besser bekannt als Favorite, schleppt sich mit Augenringen bis zu den Knien aus einer Spielothek in Essen-Borbeck. Sein Blick ist ausdruckslos, das Sweatshirt vollgesabbert. Mehr als 72 Stunden verbrachte der selbsternannte Harlekin mit einem Laster vieler deutscher Rapper, dem Glückspiel. Viele Automaten in der Glücksspielhalle sieht er öfters als seine Familie, den Namen seines Sohnes hat er längst vergessen.

Doch die soziale Misere ist geradezu vernachlässigbar gegenüber den möglichen finanziellen Folgen seiner Glücksspielsucht. Klar, als bekannter Gangster-Rapper bei Selfmade Records nagt er nicht am Hungertuch und im Gegensatz zu vielen normalen Spielsüchtigen hat Favorite auch noch keinen Schuldenberg angehäuft. Einnahmen-Hemmer ist die Zockerei aber trotzdem, einen Arbeitsrhythmus von rund 3 Jahren pro Album hat schließlich sonst kaum ein anderer Rapper. Das frappierende an der Situation Alex‘s ist zudem, dass am Ende des Monats kein Euro übrig bleibt, geschweige denn er was für private Altersvorsorge beiseitelegen kann.

Während sich manche wenige Rapper wie z.B. die Berliner Bushido und Sido mit Immobiliengeschäften für die Zeit nach der Rap-Karriere zu rüsten versuchen, scheinen andere Sprechgesangsartisten keinerlei Gedanken an sowas verschwenden zu wollen. Im Gegensatz zu Angestellten gibt es bei Künstlern, zu denen auch „Rapper“ gehören, keine betriebliche Altersvorsorge oder vermögenswirksame Leistungen. Ein Thema, das deutschen Rappern angesichts ihrer irrwitzigen Prunksucht jedoch erstaunlich egal zu sein scheint.

Ohne Namen nennen zu wollen übersteigen bei wohl jedem zweiten Rapper die monatlichen Ausgaben für Alkohol und Drogen die der restlichen Lebenshaltungskosten. Neben dem Jaguar muss auch ein Ferrari in der Garage stehen und für die Model-Freundin gibt’s regelmäßig neue Schönheitsoperationen. Das bourgeoise Leben im Jetzt täuscht viele Rapper wohl über die Tatsache hinweg, dass bis auf Jay-Z wohl kein Rapper auch mit 50 noch Alben rausbringen kann. Werden sie in Interviews auf Themen wie Altersarmut angesprochen, kommt jedoch meist nur ein Achselzucken, wenn sich einem als Interviewer nicht schon während der Frage muskelbepackte Bodyguards gewidmet haben.

Trotz des guten Vorbilds der angesprochenen Berliner Rapper ist mangelhafte Finanzplanung jedoch ein regionalübergreifendes Problem in der deutschen Rap-Szene. Auch in der Bundeshauptstadt finden wir geradezu aberwitzige Misswirtschafter, allen voran „Maskulin“-Labelboss Fler. Da allein die (selbst rumposaunten) Kosten seiner Musikvideos die seiner Einnahmen durch Albenverkäufe deutlich übersteigen, löst er wie kaum ein anderer Rapper Rätselraten über seine Finanzen aus. Seine Pläne, nach Amerika auszuwandern, hat er wohl nicht nur wegen seines problematischenVorstrafenregisters erstmal auf Eis gelegt.

Auch bei Fler wird sich in nicht wenigen Jahren die Frage nach der Finanzierung des bisherigen Lebenswandels stellen, welchen zu ändern ebenfalls für viele Sprechgesangsartisten eine unüberwindbare Herausforderung sein wird. Noch ist die Zeit für ein Umdenken nicht zu spät, noch besteht die Chance auf einen grundlegenden Wandel im Rapgeschäft. Tritt dieser Wandel nicht ein, bleibt deutschen Rappern nur ein Leben übrig – ein Leben in Armut.

Mit zusätzl. Annotations auch veröffentlicht bei: RapGenius
© Der Sprechgesangskurier; Foto (bearbeitet): xornalcerto (Flickr), CC-BY-2.0